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Zeitenwende

Unter der römischen Herrschaft über Israel begann Jesus von Nazareth sein dreijähriges Wirken. Er wollte die Menschen wieder zu Gott führen, ihnen dienen und ihnen so zeigen, wie sich Gott die Menschen ursprünglich vorgestellt hatte: in Liebe und Gehorsam Gott gegenüber, und in Liebe und Achtung den Mitmenschen gegenüber (in den Worten der Bibel: »ohne Sünde«). Seine Mission war es, die Menschen mit Gott zu versöhnen. Dies predigte er und geriet darum mit einigen religiösen Führern seiner Zeit in Auseinandersetzung. Aus dem Glauben der Väter und Propheten war über die Jahrhunderte hinweg die Einhaltung der Gesetze der Mittelpunkt der Religion geworden. Durch die Perfektionierung der Gebote Gottes wollte man einem sündlosen Leben so nahe wie möglich kommen. Das Evangelium Jesu Christi war dagegen ein klares Kontrastprogramm.

Viele Juden akzeptierten seine Botschaft, erkannten in ihm den verheißenen Erlöser und Messias und gehorchten ihm. Andere wollten ihn aus dem Verkehr ziehen und brachten ihn durch die römische Justiz ans Kreuz, wo er als Unschuldiger den schändlichen Tod eines Schwerverbrechers starb. Gott jedoch bestätigte den Anspruch Jesu, der Erlöser zu sein, drei Tage später, indem er ihn von den Toten auferweckte.

Die Augenzeugen dieser Ereignisse begannen unter den Juden zu predigen. Viele ließen sich von ihrer Botschaft überzeugen und unterstellten ihr Leben der Herrschaft Gottes. Damit beginnt die Geschichte der christlichen Gemeinde.

Die meisten Juden jedoch akzeptierten Jesus nicht als Erlöser, weil sie erwarteten, der verheißene Messias würde sie von der Herrschaft der Römer befreien. Sie nahmen im Jahre 66 n.Chr. die Befreiung selbst in die Hand.

Während des jüdischen Krieges 66 bis 73 n. Chr. wurde Jerusalem von den Römern belagert. Die Belagerung begann während des Passah-Festes, als sich Bewohner und Pilger in der Stadt aufhielten, über eine Million Menschen. Der jüdische Historiker und Augenzeuge des Krieges, Josephus Flavius, schreibt:

»Jede Hoffnung auf Flucht und Beschaffung von Nahrungsvorräten war jetzt von den Juden gewichen, der Hunger verschlang Tausende über Tausende. Auf den Gassen häuften sich die Toten, da die Überlebenden nicht genug Kraft hatten, die Toten zu begraben, und sogar mit ihnen ins Grab fielen. Kein Trauern war in Jerusalem zu hören, denn der Hunger lähmte alle Gefühle.« (Josephus - Ein Zeuge aus der Zeit Jesu berichtet, Seite 359-360, Paul L. Maier (Hrsg.), Hänssler, Neuhausen 1994, ISBN 3-7751-2056-4)

Als sie die Stadt schließlich eroberten, verfielen die römischen Soldaten in einen Blutrausch. Sie metzelten alles nieder, was lebte. Obwohl der Feldherr Titus die Bauwerke erhalten wollte, steckte ein Soldat den Tempel in Brand. Die Überlebenden, die sich in den Tempel geflüchtet hatten, waren eingeschlossen und verbrannten.

Der jüdische Tempel war durch Herodes‘ Baumaßnahmen ein herrliches und prunkvolles Bauwerk geworden. Auch die Jünger Jesu waren vom Anblick des Tempels überwältigt: »Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude!« (Markus 13,1). Jesus dagegen ließ sich von der äußeren Pracht nicht beeindrucken, sondern sagte ihnen, was dem Tempel bevorstand: »Es wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden.« (Markus 13,2) Diese Prophezeihung erfüllte sich nach weniger als 40 Jahren. Aus geistlicher Sicht besteht ein enger Zusammenhang: Durch den einmaligen Opfertod Jesu waren die Opferungen im jüdischen Tempel zur Vergebung der Schuld fortan überflüssig geworden.

Insgesamt forderte der jüdische Krieg 1,1 Millionen Opfer. Mit den geraubten Schätzen finanzierte man in Rom den Bau des Kolosseums: »Ex manubis« – »aus der Kriegsbeute« – ist dort in einer Inschrift vermerkt worden.

Titus folgte im Jahre 79 seinem Vater auf dem Kaiserthron. Doch bereits zwei Jahre später starb er.

Sein Bruder und Nachfolger ließ ihm zu Ehren einen Triumphbogen neben dem Forum in Rom errichten, den noch heute erhaltenen Titusbogen. Ein Relief des Titusbogens zeigt in einer Szene des Triumphzuges die heiligen Beutestücke aus Jerusalem: Den siebenarmigen Leuchter, den Tisch mit den Schaubroten und die Posaunen.

Der siebenarmige Leuchter aus dem zerstörten Tempel: Kriegsbeute, dargestellt auf der Innenseite des Titusbogens in Rom.

Der Krieg endete 73 n. Chr. mit dem Fall der Festung Massada hoch über dem Toten Meer, wohin sich die letzten jüdischen Überlebenden geflüchtet hatten. In einer mehrjährigen Belagerung schütteten die Römer eine Rampe bis zum Gipfel auf, wo sich die Festung befand. Um der Sklaverei zu entgehen, begingen die Juden am Tag vor der unausweichlichen Eroberung kollektiven Selbstmord.

Einige Jahrzehnte später bäumten sich die Juden noch ein weiteres Mal gegen die Fremdherrschaft auf. Als Vergeltung für den Bar-Kochba-Aufstand in den Jahren 132 bis 135 pflügten die Römer dann die Überreste Jerusalems mit einem Joch Ochsen um. Damit erfüllten sie, ohne es zu wissen, eine Prophetie aus Micha 3,12.

Anstelle von Jerusalem erbauten sie die Garnisonsstadt »Colonia Aelia Capitolina«. Sie verfolgten dasselbe Ziel wie mit der Umbenennung des Landes in »Palästina« (zu deutsch: »Philisterland«): Die Auslöschung der jüdischen Vergangenheit in den Köpfen der Menschen. Juden war das Betreten der Stadt verboten.

Nach der Zerstörung des Tempels entwickelte sich das rabbinische Judentum. Die Religion musste nun ohne den Tempel und die Opfer auskommen, was ein drastischer Einschnitt in das tägliche Leben bedeutete. In der Folgezeit wurden deshalb neben der Thora die Mischna und der Talmud immer wichtigere Werke. . Die sich mit allen Aspekten des Lebens befassende jüdische Gesetzgebung wurde in der Mischna (2. Jahrhundert) kodifiziert und im Talmud (3. bis 5. Jahrhundert) ausführlich erläutert. Diese Gesetze, von denen einige in späteren Zeiten den veränderten Voraussetzungen angepasst wurden, sind noch heute für gläubige Juden verbindlich.

»Institutionelles und kulturelles Leben wurden in Anpassung an die veränderte Situation ohne das einigende Band von Staat und Tempel erneuert. Die Priester wurden durch Rabbiner ersetzt, und in Abwesenheit eines zentralen Heiligtums wurde die Synagoge zum Kern der verstreuten Gemeinden.« (Prof. Benyamin Neuberger, Zionismus, Prof. Benyamin Neuberger, Presse- und Informationsabteilung der Botschaft des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland)

Dadurch behielten die Juden ihre Identität bis auf den heutigen Tag, was angesichts des harten Schicksals, das sie überall ereilte, mehr als ein Wunder ist. Jedes andere heimatlose Volk hätte sich schon längst mit seinen Gastgebervölkern vermischt oder wäre untergegangen. Denn die Juden wurden gehasst, verfolgt und waren die Sündenböcke, wo auch immer sie sich niederließen. Während der ganzen folgenden Jahrhunderte in der Diaspora erlebte so gut wie keine Generation irgendwo Ruhe.

Fast 2000 Jahre lang war das Land Israel so gut wie unbewohnt. Zwar stand es immer unter irgend jemandes Herrschaft, es war jedoch nie dauerhaft besiedelt. Von den einstmals florierenden Handels- und Hafenstädten des Königs Salomo blieben nur Trümmer. Das Land, »das von Milch und Honig überfließt«, (2. Mose 3,8) wurde eine wasserlose Wüste. :

»Ein wüstes Land. Eine in traurigem Schweigen versunkene Weite. Kaum ein Baum oder Strauch tauchte einmal auf.« (Mark Twain, 1867, zitiert in: Israel erlebt, Seite 18, Peter Hahne, Hänssler, Neuhausen 1992, ISBN 3-7751-1763-6)

Lediglich Nomaden, Hirten und Pilger hielten sich dort auf, außerdem etwa ein Dutzend kleine, aber unbedeutende jüdische Gemeinwesen, die im Lauf der Jahrhunderte entstanden waren.


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